In Memoriam:

Respekt und Zärtlichkeit – kein weiterer Nachruf für Chaim Jellinek

16. Juni 2026

Gastbeitrag von Bernd Westermann, ehemals Referent für Projektentwicklung und Fortbildung beim Drogennotdienst Berlin

Nur 61 Jahre alt ist Chaim Jellinek geworden. Seinen 70. Geburtstag hätte ich am 3. Juni 2026 mit ihm feiern wollen. Als ich ihn kennenlernte, hieß er noch Christian Bauer, trommelte in der linken Punk-Band „Tod und Mordschlag“, wohnte am Heinrich-Platz (heute nach Rio Reiser benannt), wo er den Polizeifunk abhörte, da er medizinische Hilfe leistete bei in Gewalt ausufernden Demonstrationen.

(Von Auftritten der Band gibt es Videos im Netz!)

Neben Respekt und Zärtlichkeit wären auch Leidenschaft und Genuss wichtige Stichworte zur Erinnerung an Chaim. 1997 gründeten wir nach knapp zweijährigem „Vorspiel“ gemeinsam mit der unvergessenen Gabriele Undine Bellmann die A.I.D. Kreuzberg – die erste Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe von Berlin. Chaim war einer der wichtigsten medizinischen Kooperationspartner des Notdienst Berlin e.V., wie der Drogennotdienst Berlin früher hieß, hoch geschätzt vom verstorbenen Geschäftsführer Michael Hoffmann-Bayer.

Das Ambulanz-Modell, eingebettet in ein verbindliches Kooperationsnetzwerk war, ist und bleibt „Goldstandard“ bei der medizinischen und psychosozialen Versorgung besonders schwer erkrankter Menschen mit unter anderem opiodbezogenen massiven Substanzgebrauchsstörungen sowie multipler Komorbidität. Dabei waren und blieben wir stets im engen Kontakt zur internationalen interdisziplinären Forschung.

Alles Weitere war Thema in Grabreden, vielen Nachrufen und bei wissenschaftlichen Veranstaltungen, die Chaim Jellinek gewidmet wurden, nachzulesen in zwei Sonderausgaben von „rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie“. 2018: „Mehr als abhängig. Substitutionstherapie als integrierte Versorgung“ sowie 2023: „Horizonte erweitern! Neue Perspektiven auf Substanzgebrauchsstörungen“. Dort ist auch im Detail beschrieben, worin die besonderen Pionierleistungen von Chaim Jellinek als engagierter Sozialmediziner hauptsächlich bestanden haben.

Die große Trauergemeinde auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee erinnerte sich mit höchstem Respekt auch an den zärtlichen Menschen Chaim Jellinek, an den liebevollen Vater, an den zuverlässigen Freund, an den im Chor singenden und gern lachenden Naturliebhaber und Genießer…

Als ich Gelegenheit hatte, im Vivantes Klinikum Friedrichshain Abschied zu nehmen vom großen Körper von Chaim, kurz vor dessen Transport in die Pathologie, erlebte ich ganz ohne Substanzeinfluss eine Halluzination: Ich sah, wie sich der Brustkorb doch noch einmal bewegte. Wie viel Bewegung wäre noch von diesem großartigen Menschen zu erwarten gewesen?!

Hinweis der Herausgebenden: Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln die Meinungen der Autor*innen wider. Sie repräsentieren nicht unbedingt die Ansicht der Herausgeber*innen.

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